Linda Kelly – Frauen wie du und ich – Frauen mitten im Leben!
Oder die Frage: Was sind eigentlich Lupinen?

Blond = doof? Mitnichten! Dass dieses Klischee totaler Blödsinn ist, das weiß inzwischen 95 % der Bevölkerung.
Über die noch übrigen 5 % können wir gelassen hinwegsehen. Dass es aber eine großartige Frau gibt, die zugleich Landwirtin als auch innovative Unternehmerin und mutige Zukunftsgestalterin sind, das weiß nicht jeder. Jede Frau kann mutig sein! Lasst euch inspirieren von Linda Kelly – eine Frau wie du und ich, eine Frau mitten im Leben! Im April war ich bei ihr auf dem Biolandhof Kelly in der Nähe des Bodensees und habe mit ihr gesprochen… über Gott und die Welt und über Kaffee aus Lupinen.

Linda Kelly …. Landwirtin – Unternehmerin – Zukunftsgestalterin

Linda Kelly ist 36 Jahre und sportlich-schlank. Sie hat strahlend blaue Augen und lange blonde Haare. Man sieht ihr an, dass sie viel und vor allem herzlich lacht. Ja, mit 36 zeigen sich die ersten Anzeichen von Krähenfüßchen rund um die Augen. Lindas Mann Michael stammt aus Irland. Die Beiden haben sich bei der Arbeit kennen und lieben gelernt. Gemeinsam hat das Paar zwei Kinder: Kieran und Darren. Linda lacht herzhaft, als sie meine Fragezeichen auf den Augen sieht: „Ja, diese Namen sind für die Einheimischen nicht immer leicht auszusprechen.“

2013 hat Linda ihren Job als Industriekauffrau aufgegeben und gegen ein berufliches Engagement auf dem elterlichen Biolandhof eingetauscht. Dieser liegt idyllisch gelegen, ganz in der Nähe des Bodensees. Genauer gesagt in Herdwangen. Das gehört zwar noch zum Landkreis Sigmaringen, der Bodenseekreis liegt aber mit der Stadt Überlingen in greifbarer Nähe.

Dass Linda ihren Job als Kauffrau aufgegeben hat stimmt übrigens nicht wirklich. Denn die kaufmännischen Fähigkeiten und Kenntnisse braucht die angehende Landwirtin weiterhin. Schließlich gilt es, ein Business aufzubauen.

Im Neuen liegt die Zukunft …

Linda probiert nämlich gerne Neues aus. Sie weiß: im Neuen liegt die Zukunft. 2013 hat sie die Süßlupine auf den Hof gebracht. Wer sich nun fragt, was Lupinen sind, der ist mit mir in bester Gesellschaft. Ich wusste das bis vor meinem Kennenlernen mit Linda auch nicht. Das habe ich ihr aber nicht verraten. Sonst hätte sie mich noch für „eine echte Blondine“ gehalten.

Inzwischen weiß ich, dass Lupinen ein echtes deutsches Super-Food ist. Unsere heimische Antwort auf ‚Soja‘. Nur viel besser. Sie gehören zur Familie der Hülsenfrüchtler und sind reizstoff-, koffein- und glutenfrei. Also ziemlich magenfreundlich. Eine perfekte Voraussetzung für einen bekömmlichen Kaffee. Und genau diesen röstet Linda höchstpersönlich aus den Lupinenkernen. Aus diesem Grunde wurde sie 2018 für ihr unternehmerisches Wirken von den LandFrauen zur Unternehmerin des Jahres gewählt. Zu Recht, wie ich finde.

Linda Kelly – eine Frau wie du und ich. Eine Frau, die mitten im Leben steht. Mit Ecken und Kanten. Mit Sorgen und Nöten. Mit Wünschen und Träumen. Ich war neugierig auf sie und habe sie auf ihrem Hof besucht. Und selbstverständlich habe ich auch mit ihr gesprochen. Und wie soll es anders sein? Selbstverständlich bei einer Tasse Lupinenkaffee im heimeligen Verköstigungsraum.

Wenn der vollgepackte Alltag den Blick vernebelt…

Als ich Linda frage, ob es eine Geschichte in ihrem Leben gibt, die für sie bedeutungsvoll ist und ihr immer mal wieder in Erinnerung kommt, findet sie erstmal keine Antwort.

»Eine Geschichte, die für mich bedeutungsvoll ist?«, verzweifelt suchen ihre Augen den Raum ab. Als ob hier im Lupinello-Verköstigungsraum an einer Wand ein Plakat mit der Antwort auf meine Frage hängen würde. Erstaunt schaut sie mich an und entschuldigt sich:

»Weißt du Tanja, unser Alltag ist so voll, dass es mir gerade schwerfällt, mich an eine bedeutungsvolle Begebenheit zu erinnern. Ich weiß, dass es viele davon gibt, aber ich habe gerade keinen Zugang dazu«.

Ich spüre, wie sie von ihrer eigenen Feststellung irritiert ist. Doch plötzlich funkeln ihre Augen und sie lacht … »Ich hab‘ was! Weißt du, was mir derzeit nicht aus den Sinn geht? Was es ist, was immer wieder in mir hochkommt? … Das sind die Lupinen, die ich erst letzte Woche ausgesät habe und die Pflanze bereits diese Woche zu sehen ist. Ich bin fasziniert davon, wie aus etwas Winzig-Kleinem etwas richtig Großes wird…«

So fühlt sich Heimat an…

Ich möchte von Linda wissen, was das Wachstum dieser Pflanze für sie bedeutet. Und fast habe ich das Gefühl, dass sie mich am liebsten umarmen möchte:

»Das ist es! Das ist es, mit was ich mich identifiziere! Das ist es, was tief in mir etwas berührt. Ich glaube, es nennt sich ‚Heimat‘. … Genau so fühlt sich Heimat an!«

Mit einem stillen Blick bitte ich Linda darum, nicht aufzuhören. Weiterzureden.

»Damit verbinde ich Tradition. Familientradition. Für diese lebe ich. Ich habe sogar meine Anstellung als Industriekauffrau eingetauscht gegen das Leben und die Arbeit auf unserem Hof.  Und glaub‘ mir Tanja! Das ist nicht immer die Idylle, wie viele Menschen glauben. Es ist hartes Business, das mir sicherlich Vieles gibt. Wofür ich aber auch viele Opfer erbringe. … Tag für Tag für Tag.«

Wenn Kühe pupsen … oder ‚Wie sieht die Zukunft der Landwirtschaft aus?‘

Gemeinsam mit Linda reise ich in Gedanken in eine Welt voll von liebvollen und klugen Feen. »Linda, wenn du weisen Feen eine einzige Frage zu deiner Zukunft stellen dürftest, welche Frage würdest du diesen weisen Wesen stellen?« Ich beobachte Linda aufmerksam. Feen-Fragen kommen nicht bei jedem gut an.

Ihr Blick senkt sich. Sie überlegt eine Weile und antwortet dann bedächtig: »Wie sieht die Zukunft der Landwirtschaft aus? Diese Frage würde ich den Feen stellen! … Wir Landwirte sind einem beispiellosen Verdrängungsmarkt ausgeliefert und stehen überall in der Kritik. Wir sind am CO2-Disaster schuldig, nur weil unsere Kühe pupsen … Sorry, aber da hört der Verstand auf! Und die Leute glauben das auch noch. Wir Landwirte, wir lieben die Natur. Aber gibt es eine Chance für uns? Für unsere Berufe? Für unsere Kinder? Als Mama von zwei wunderbaren Söhnen stelle ich mir oft diese Frage: Gibt es eine echte Perspektive für meine Jungs?«

Lindas mutigste Entscheidung …

Ich frage Linda nach der mutigsten Entscheidung, die sie bisher in ihrem Leben treffen musste. Ihre Antwort lässt nicht einmal den Hauch einer Sekunde auf sich warten. Sie beugt sich zu mir nach vorne, richtet ihren Blick auf den Tisch und streicht dort mit der Hand ein paar Krümel weg. Obwohl da eigentlich gar nichts liegt. Dann schaut sie mich an und sagt: »Ich stecke gerade mittendrin. Besser gesagt habe ich sie schon getroffen. Den Hof zu übernehmen. Ihn weiterzuführen, ihn zu entwickeln und zu gestalten. Und ich frage mich immer wieder, ob ich diese Verantwortung tatsächlich übernehmen möchte. Mich treibt die Frage um, was mit unserer Landwirtschaft passiert. Was ist wenn … Was ist wenn die Feen mir meine Frage nach der Zukunft der Landwirtschaft mit einem traurigen Kopfschütteln beantworten? …«

Keine einfachen Fragen …

Linda öffnet sich und schenkt mir Einblicke in Themen, über die in Deutschland nicht gerne gesprochen wird. Es geht um Geld. Und es geht auch um die Familie. Um Lindas Sorge, ob sie sich ihre Entscheidung für die Landwirtschaft überhaupt finanziell leisten können und was mit dem Familienleben passiert. Es sind grundlegende Fragen, die sie mir stellt, ohne eine Antwort von mir zu erwarten.

»Können wir uns das leisten? Können wir so überhaupt leben? Überleben? Was passiert mit der Absicherung? Was passiert mit unserem Familienleben, wenn Arbeit und Leben gleichzeitig stattfindet? Mit mehreren Generationen zusammen? Geht dabei unser Familienleben drauf? Was ist, wenn jemand von uns krank wird? Was wird sein, wenn wir alt sind? Wollen wir mit all diesen Unsicherheiten leben? Wäre es nicht einfacher, in einen Angestellten-Job zu wechseln? Regelmäßig Urlaub und Zeit für die Familie zu haben? Abgesichert zu sein?  …«

Das Lachen der Kinder …

Mit einer Handbewegung wischt sie diese schweren Gedanken weg. Nicht unter den Tisch. Aber zu Seite. Lindas Augen blitzen wieder lebenslustig auf. Und sie lacht. Ein ansteckendes Lachen, das tief aus ihrem Inneren kommt. In diesem Lachen steckt die pure Lebenslust. … Und auch ein bisschen Trotz!

»Weißt du was Tanja? … Ich werde darum kämpfen! Der Hof und die Landwirtschaft sind meine Heimat. Die Lupinen können uns einen Weg in die Zukunft weisen. Einen Weg von vielen möglichen, die es nun zu entdecken, zu nutzen und zu entwickeln gilt. Einfach weitermachen wie bisher ist keine Option. … Wenn ich das Lachen unserer Kinder hören werde, dann werde ich wissen, dass meine heutige Entscheidung eine gute gewesen ist.«

»Und ‚Ja!‘, ich muss und werde auch ziemlich konsequent darauf achten müssen, dass bei all dem ich nicht unter die Räder komme. Ich werde Freiräume brauchen, um Kraft zu tanken. Diese Freiräume werde ich mir nehmen. Ohne mich dabei schlecht oder gar schuldig zu fühlen. Ich weiß genau: mit meiner positiven Energie werde ich andere mit auf unseren Weg in die Zukunft nehmen und dafür sorgen, dass wir als Familie ein gutes Leben haben werden. Mein Umfeld soll wissen: Schenkt mir kleine Gesten der Wertschätzung! Und ich schenke euch meine positive Energie!“

Glaube an dich und gebe niemals auf!

Es sind die letzten Worte von Linda, die mich zum Abschluss unseres Gespräches tief berühren. „Glaube an dich und gebe niemals auf!“ Ich denke an mein eigenes Leben und die tiefgreifenden Veränderungen, die alleine schon 2019 mit sich gebracht haben. So manches Mal habe ich daran gedacht, aufzugeben. Einen vermeintlich leichteren Weg zu gehen. Doch für welchen Preis? In meinem Buch Das Jahr als ich anfing Dudelsack zu spielen stelle ich den Lesern die Frage: „Was würdest du bereuen, nicht getan zu haben, wenn du wüsstest, dass morgen dein letzter Tag auf Erden wäre?“.

Ich persönlich glaube, dass es Linda ihr Leben lang umtreiben würde, wenn sie den Hof aufgeben und wieder in ihren früheren Job als Industriekauffrau zurückkehren würde. Der Zweifel, ob sie wirklich ihr Bestes gegeben – wirklich alles versucht und unternommen hat, würde tief in ihr nagen. Ich bin mir sicher: Linda wird ihren Weg gehen. Und ihre positive Lebenseinstellung wird ihr dabei hilfreich sein:

»Alles, was da auf uns zukommt, ist ja nicht schlecht. Dort, wo eine Tür zugeht, gibt’s eine andere Tür, die darauf wartet, von dir geöffnet zu werden. Aber: wir dürfen nicht darauf warten, bis jemand anders diese Tür für uns öffnet. Das Öffnen solcher Türen liegt in unserer eigenen Verantwortung.«

PS – Postskriptum

Welcher mutige Schritt steht für dich an? Und was würdest du tun, wenn du keine Angst hättest?

Denk‘ mal drüber nach …