Was uns davon abhält, unser Leben zu leben

Und wie wir endlich loslegen können

 

Lesezeit:      15 Minuten
Inhalt:           Wer in der Mitte des Lebens angekommen ist, hat häufig das Gefühl „Das kann doch nicht alles gewesen sein“.
Hashtags:    #lebensmitte   #erwartungserwartung #50plus #neueswagen
Podcast:       Gib mir noch ein wenig Zeit. Dieser Blogbeitrag gibt es in den nächsten Tagen auch als Podcast.

Falten sind die Geschichten in deinem Leben!

Es ist schon eine denkwürdige Zahl. Die 50. Im Kopf fühlt sich noch alles jung an, aber der Körper zeigt hier und dort seine Macken. Bei mir übrigens ziemlich deutlich. Und ich rede jetzt nicht von den Wehwehchen in meinen Knochen. Mein Gesicht hat – nennen wir es mal –  markante Falten. Man sieht mir an, dass ich gerne, viel und auch herzhaft lache. … Aber auch, dass ich gerne nachdenke, und hier und dort zum Grübeln neige. Meine Freundin Sandra würde das  bestimmt wie folgt kommentieren

„Ist doch super, Tanja! … Falten sind die Geschichten deines Lebens und du hast davon einige davon zu erzählen.“

Sandra ist Makeup-Artist und Coach und war früher in Hollywood. Jupp….  in HOLLYWOOD. Filme machen und so. Wenn Ihr mehr über Sandra wissen wollt, dann hört doch Euch meine zwei Radiosendungen mit ihr an. Sie war übrigens mit mir in Schottland, als ich meine Filme für mein Online-Training gedreht habe und hat dafür gesorgt, dass ich immer toll aussehe.

 

Makeup-Artikst Sandra Schneider und Fotografin Katrin Schneider beim Fotoshooting von Tanja Köhler in Schottland

Sein Leben leben

Aber wieder zurück zum Thema. Es gibt Menschen, die über mich sagen: „Hey …die Tanja, die hat schon als Jugendliche ihr Ding gemacht.  Die lebt ihr Leben. Wenn nicht sie, wer dann?“

Wenn Ihr mich fragt, dann ist das überhaupt nicht so. Mein Leben war eher ein fortwährendes Aufbegehren. Ein permanenter Kampf darum, eben mein Leben so zu leben, wie ICH es möchte. Und ganz ehrlich? Inzwischen bin ich echt froh darüber, dass dieses Aufbegehren – dieser Kampf – aufgehört hat und für mich nur noch in ganz wenigen Situationen als Unterton spürbar ist. Wow…. Das war schon eine Menge Lebensenergie, die da über die Jahre – ach was: Jahrzehnte  – auf der Strecke geblieben ist.

Wann sich das mit dem „Aufbegehren“ geändert hat? Hmmmm… Irgendwann mal so um meinen 50sten herum. Aber tatsächlich habe ich schon ein paar Jahre vorher damit angefangen, mutige und klärende Entscheidungen für mich zu treffen. Ja! Nicht eine Entscheidung. Sondern viele. Nicht auf einmal. Sondern nach und nach. Ihr könnt Euch das wie ein Reinigungsbad vorstellen. Da springt man ja auch nicht rein und wieder raus und ist dann sauber. Sondern man beschäftigt sich intensiv mit den einzelnen Körperteilen. Ob von oben nach unten. Oder von unten nach oben. Das ist eigentlich Wurst. In der Regel lässt „man“ ja auch kein Körperteil aus. Außer vielleicht, man ist nicht wirklich motiviert. Oder aber die Körperstellen, die einem unangenehm sind…. Weil man sie nur schlecht erreicht. Oder aber weil sie vielleicht mit einem Tabu besetzt sind. …

Erwartungserwartungen
Ich bin nicht auf der Welt, damit ich so bin, wie IHR mich gerne hättet

„Ich bin nicht auf der Welt, damit ich so bin, wie IHR mich gerne hättet.“ So schreibe ich in meinem Buch. Kluge Worte, wie ich finde. Mit „IHR“ meine ich übrigens alle Menschen, die Erwartungen an mich stellen. Oder von denen ich zumindest annehme, dass sie Erwartungen an mich haben. In der Psychologie nennen wir dieses Phänomen Erwartungserwartung.

Tatsächlich meine ich mit IHR aber auch unsere Eltern. Und all das, was sie uns an unsichtbarem Erbe mitgegeben haben. Egal ob wir nun einen 5er vornedran haben oder nicht. Dieses „Erbe“ ist ziemlich mächtig und zeigt sich in unserem Verhalten. Ob wir das nun wahrhaben wollen oder nicht. Hierzu sagen wir Generationentransfer.

Dafür braucht man nicht Psychologie studiert haben, um zu wissen, dass sich genau in diesem Erbe Erklärungen dafür finden lassen, warum wir unser Leben so leben, wie wir es leben. Erklärungen, warum wir uns damit oftmals arrangieren, auch wenn es Punkte gibt, mit denen wir nicht wirklich glücklich sind. Und genau in diesen Punkten liegt aber auch die Lösung. Auch wenn sie sich erstmal unangenehm, eventuell sogar schmerzhaft anfühlen. Die meisten von uns wissen, was sie ändern müssten. Sie trauen sich aber nicht. Aus welchen Gründen auch immer.

Das Leben ist zu kurz für Arrangements.

Meine Meinung? Das Leben ist zu kurz für Arrangements. Vor allem, wenn „man“ so um die 50 ist…. Das Leben ist zu kurz für Geht-so-Ehen, für Geht-so-Jobs, für Geht-so-was-auch-immer.  …. „Was würdest du bereuen, nicht getan zu haben, wenn du wüsstest: MORGEN ist dein letzter Tag?“ Oder um es mit Sandras Worten zu sagen: Welche Falten willst du denn haben, dass sie noch dazu kommen? Ärgerfalten? Sorgenfalten? Langeweilefalten? Oder aber Zufriedenheitsfalten? Lachfalten?

Was würdest du tun, wenn morgen dein letzter Tag wäre

Wer gibt eigentlich den Startschuss?

Viele um die 50 sind bereit und spüren es innerlich: „Jetzt!!!! Jetzt ist meine Zeit gekommen!“ Startklar in der Mitte des Lebens!!!! Doch halt! Stopp!!!! Wer gibt eigentlich den Startschuss? J  Ganz ehrlich? Niemand anderes als DU!

Warum andere von mir glauben, dass ich schon von Jugend an mein Leben lebe

Straßenkind und obdachlos? Oder wieder nach Hause? Im Alter von 13 Jahren stand ich genau vor dieser Entscheidung. Ich war von zuhause abgehauen und wurde bundesweit gesucht.

Wenn ich heute gefragt werde, warum ich denn damals von zuhause weggelaufen bin, so kann ich nur mit den Achseln zucken. Ich wurde nicht geschlagen, nicht misshandelt. Weder psychisch, noch physisch. Obwohl das bei einigen meiner Gleichaltrigen durchaus auf der Tagesordnung stand.

Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit jemandem. Gleichalt wie ich. Ihn und seine Familie bezeichneten wir immer als asozial. Auch ich habe dieses Wort abwertend benutzt, ohne damals überhaupt nur ansatzweise zu wissen, was genau es bedeutet. Und was es anrichtet…

Wie gesagt, wir sprachen miteinander über unsere Kindheit und Jugend. Seine Worte machen mich bis heute betroffen: „Tanja, Du weißt doch überhaupt nicht, wie es ist, wenn Du von Deinem eigenen Vater grün und blau geschlagen wirst. Ich habe mich deswegen niemals ins Freibad getraut. Und deswegen hatte ich auch im Sportunterricht immer langärmelige Shirts an – egal wie sehr ich geschwitzt und gestunken habe. Wir mussten zuhause auf einer harten Matratze auf dem Boden schlafen. Ohne Laken, von einem Bettbezug ganz zu schweigen …“ In seinen Augen konnte ich für einen kurzen Moment seine tiefe innerliche Verletzung sehen. Kurz hat er mir sie gezeigt. Mich an ihr teilhaben lassen. Und dann hat er auch schon wieder sein „Alles-nicht-so-schlimm- Gesicht“ aufgesetzt. Zurück zur Tagesordnung. Funktionieren.

Ausbruch aus einer behüteten Kindheit

Nein, so etwas habe ich nie erlebt. Und dafür bin ich auch sehr dankbar. Ich hatte eine überbehütete Kindheit. Äußerlich fehlte es mir an nichts. Ich hatte tolle Kleidung und auch ein schönes Zimmer für mich alleine. Allerdings durfte ich nur wenig. Ich fühlte mich zuhause irgendwie immer beengt und wollte schon früh weg.

Mit 13 schrieb ich dann meinen Eltern einen Abschiedsbrief „Auch Kinder brauchen mal Urlaub von den Eltern …“ und so machte ich mich heimlich auf eine abenteuerliche und zum Teil haarsträubende Reise durch Deutschland. Was ich alles erlebt habe, das steht auf einem anderen Blatt. An vieles erinnere ich mich auch nicht mehr. Was sich aber tief in mein Herz eingegraben hat, das war die Begegnung mit einem obdachlosen Mädchen auf dem Stachus in München. Sie lebte bereits über ein Jahr auf der Straße. Ihre Haare und ihre Kleidung sahen ziemlich provokant aus und schüchterten mich ein. Ein echter Punker eben mit einer Ratte auf der Schulter. Noch heute sehe ich genau ihre schwarzen Springerstiefel vor mir. Staubig und ausgelatscht. Ein Symbol ihrer Freiheit. Ein Symbol Ihres Trotzes. Ein Symbol ihrer eigenen Stils. Ihres eigenen Weges. Daneben kam ich mir in meiner inzwischen angeschmuddelten Popper-Aufmachung albern und wie eine wohlbehütete rote Rose vor. Ich spürte, dass ich niemals ein ‚richtiges‘ Straßenkind werden würde. Zu weit lagen unsere Erlebenswelten auseinander. Aber Freiheit, das wollte ich schon.

Es hätte auch schief gehen können….

Ich glaube, dass er immer noch mit zu den schrecklichsten Momenten im Leben meiner Eltern gehört. Der Moment, als sie in mein Kinderzimmer schauten und dort den Abschiedsbrief von mir vorfanden. Wie gesagt, meine Eltern haben mich nie geschlagen, waren immer lieb zu mir. … aber ich durfte halt wenig.

Und diese gefühlte Enge habe ich nicht ausgehalten. Ich wollte raus. Meinen Weg finden. Meinen eigenen Weg. Wie gesagt, das waren sicherlich mit die schlimmsten Tage für meine Eltern und inzwischen habe ich mich schon mehrfach dafür entschuldigt. So denn das überhaupt geht …. Erst, wenn man selbst Mutter oder Vater ist, kann man überhaupt verstehen, welchen Schmerz und welche Angst ich meinen Eltern damals zugefügt habe…..

Und ganz ehrlich? Ich bin in den Tagen meiner Abwesenheit einigen schrägen Menschen und Situationen begegnet. Es hätte auch wirklich schief gehen können….

Ein bisschen Psychologie hinter meinem „Abhauen“

Viele haben mich gefragt, warum ich denn damals abgehauen bin. Ich hatte nie eine gute Antwort. Alle Antworten fühlten sich „leer“ und irgendwie vorgeschoben an. Wenn ich heute in mich schaue, dann weiß ich, es war ein inneres Unruhegefühl. Irgendwie war ich immer schon unterwegs. Auch später. Meine Freundin sagte in den 90ern mal aus Jux zu mir: „Jetzt muss ich mir wegen Dir ein neues Telefon-Notizbuch kaufen! (Damals gab’s so etwas noch …) Aufgrund Deiner vielen Telefonnummern ist der Platz nun zu Ende!“ Damals haben wir zusammen gelacht und nicht weiter darüber nachgedacht.

Heute weiß ich, dass mein stetiges Umziehen (alle 2 bis max. 3 Jahre) etwas mit meiner Mutter zu tun hat. Besser gesagt mit der Kindheit meiner Mutter. Als Fünfjährige musste sie im Winter 1945 aus ihrer Heimat flüchten. Ostpreußen. Aktuelle Forschungen zeigen: „Das Trauma der Kinder von damals haben diese an ihre eigenen Kinder vererbt“. Wir  Psychologen sagen dazu: Generationentransfer. Viele sogenannte Kriegsenkel fühlen eine ähnlich Unruhe wie ich. Ein Gefühl, wie „immer-wieder-neu-anfangen-müssen“. Und so habe ich wenigstens eine Antwort darauf, warum ich innerlich so unruhig bin. Spannend: seitdem ich das mit dem Generationentransfer weiß, hat die innerliche Unruhe deutlich abgenommen.

Vorwärts in die Vergangenheit

Jede Familie hat ihre eigene Geschichte. Gewiss ist: die Eltern derjenigen, die sich gerade in der Mitte des Lebens befinden, waren zum Zeitpunkt des 2. Weltkrieges Kinder. Diese Generation ist bis heute erwiesenermaßen anders. Wenn du dich fragst, warum du dir selbst den Startschuß für dein Wunschleben nicht gibst, dann schau mal, ob du in der Kindheit deiner Eltern Antworten findest. Ich nenne das „Vorwärts in die Vergangenheit„. In meinem Blog findest du viele Buchtipps zum Thema.

Zuhause in MIR – angekommen!

Startklar in der Mitte des Lebens zu sein hat paradoxerweise auch etwas mit „Ankommen“ zu tun. Dass es mich ausgerechnet in Schottland einholt – das Gefühl „endlich angekommen“ zu sein – damit habe ich niemals gerechnet. Was ist passiert?

Ich bin auf den Ben A’an hochgestiegen, ein wunderschöner Berg in den Trossachs, dem Naherholungsgebiet der Großstadt-Schotten. Schon auf dem Weg nach oben habe ich gespürt, dass etwas anders ist. Dass ich immer ruhiger werde und dass es mir gut geht. Dass ich mich so fühle, wie es sich immer anfühlen sollte. Zuhause. Zuhause in mir.

Inzwischen war ich schon oft oben auf dem Ben A‘an. Und jedes Mal stellt sich das Gefühl, angekommen zu sein, wieder ein. Egal, welche Jahreszeit. Es gibt in Schottland noch viele weiter solche Orte, an welchen dieses Gefühl „Zuhause in mir“ in mir hochkommt. Und auf wunderbare Weise kann ich dieses Gefühl zu jeder Zeit spüren. Auch wenn ich wieder zuhause in Deutschland bin.

Dudelsack & Springerstiefel
Meine Symbole der Freiheit

In meinem Buch habe ich den Dudelsack als mein persönliches Symbol der Freiheit bezeichnet. Der Dudelsack ist meine Metapher dafür, die Dinge im Leben zu tun, die ich schon immer tun wollte. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne mir die Frage zu stellen, was andere dazu sagen könnten.

Kurz vor meinem 50sten Geburtstag war es dann wieder soweit. Ich bin auf ein weiteres Freiheits-Symbol gestoßen. Während ich im Internet für mein neues Buch recherchierte, stieß ich auf Springerstiefel von Doc Martens. Und ich wusste sofort, ohne auch nur einen Bruchteil einer Sekunde darüber nachdenken zu müssen, dass ich diese Stiefel unbedingt haben wollte.

Und plötzlich erinnerte ich mich an mein Ausreißen, als ich 13 war. Und an die Begegnung mit dem Punker-Mädchen am Stachus und wusste: Ich will diese Springerstiefel! Egal was andere dazu sagen und ob ihrer Meinung nach 50jährige zu alt für Springerstiefel sind. Für mich sind es genau die richtigen…. und wisst Ihr was? Ich finde es mega, dass es kein „Entweder-oder“ ist, sondern dass ich zeitgleich mit den Springerstiefeln auch meine wohlbehütete „Rote-Rosen-Herkunft“ zeigen darf.

Springerstiefel rote Rosen

PS – Postskriptum

  • Was würdest du bereuen, nicht getan zu haben, wenn du wissen würdest: Morgen ist dein letzter Tag?
  • Wenn du keine Angst hättest, gibt es etwas, was du dann tun würdest?
  • Was wolltest du als Kind bzw. Jugendliche tun? Was war dein Traum von der Zukunft? Ist dieser Traum immer noch stimmig? Oder aber wie lässt sich der Wunsch von damals auf heute übersetzen?
  • Wann sind deine Eltern geboren und welches unsichtbare Erbe haben sie dir mitgegeben? Wie fördert bzw. hemmt dieses Erbe dich daran, dein Leben zu leben?
  • Was sind deine Springerstiefel und was ist dein Dudelsack? Und wann fängst du an sie zu leben?
  • Startklar?

Denk‘ mal drüber nach ….

Wenn du Unterstützung brauchst, wie wäre es mit meinem Startklar-Coaching?